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Künstliche Intelligenz
macht arbeitslos –
gut so!

Das Atreus Online Magazin für Interim Management
Ausgabe 21 | Dezember 2016

Interview mit Luciano Floridi, Internet-Ethiker und Mitglied des Experten-Beirats von Google

Der Netzphilosoph Luciano Floridi propagiert die Chancen künstlicher Intelligenz – und fordert eine fairere Verteilung der Gewinne durch neue Techniken. 

 

»Das Problem ist nicht die Arbeitslosigkeit. Das Problem ist der Einkommensverlust.« 

© Foto: Oxford Internet Institute

»Herr Floridi, wird uns künstliche Intelligenz arbeitslos machen?«

Oh ja, das sollte sie!

»Wie bitte?« 
Natürlich. Denken Sie an die vielen Menschen mit unerfreulichen Jobs. Sie müssen jeden Tag stundenlang etwas tun, das sie eigentlich nicht mögen, immer mit Blick auf den Feierabend und das Wochenende. Ihr Arbeitsleben ist in keiner Weise bereichernd. Wir sind nicht dafür da, so zu arbeiten. Wenn künstliche Intelligenz all diese Tätigkeiten übernimmt, wäre das doch großartig. Wie mein Geschirrspüler: Er nimmt mir Arbeit weg, aber bin ich deshalb unglücklich? Natürlich nicht.

»Sie wären vermutlich unglücklich, wenn auch Ihr Einkommen wegbricht.«

Genau das ist der Punkt. Das Problem ist nicht die Arbeitslosigkeit. Das Problem ist der Einkommensverlust. Wenn also bestimmte Jobs von künstlicher Intelligenz ausgeübt werden, müssen wir entweder neue Tätigkeiten für die Erwerbslosen finden, oder wir müssen ihnen ein Einkommen schaffen. Wir sollten über ein Grundeinkommen nachdenken. Ich träume von einer Zukunft, in der jeder ein Rentner sein kann, ohne in Ruhestand gehen zu müssen.

»Und wer soll diese schöne, lebenslange Rente bezahlen?«

Wir brauchen schlichtweg mehr Verteilung und Bewegung des Reichtums, den wir mit neuen Technologien generieren. Stellen Sie sich Folgendes vor: Eine Hightechfirma benutzt künstliche Intelligenz, wird extrem erfolgreich und erwirtschaftet ein großes Vermögen. Wenn wir es vernünftig hinbekommen, wird solch ein Unternehmen entsprechend mehr Steuern zahlen. Davon wiederum könnten wir ein Grundeinkommen generieren, das die Menschen ausgeben, um Produkte und Dienstleistungen zu kaufen. So wird das Ganze zur Win-win-Situation.

»Es gibt Experimente, in denen 
künstliche Intelligenz ein Krebsgeschwür besser 
erkannt hat als erfahrene Onkologen.« © www.fotolia.com, Mopic

»Das klingt utopisch. Unternehmen wer­den dorthin ziehen, wo sie weniger Steuern zahlen und mehr Geld verdienen.«

Natürlich, doch es könnte ein regulatorisches Ideal sein. Ein Zustand, den wir nie erreichen, aber immer anstreben. Seit der Erfindung des Rads war es stets unser Ziel, nicht mehr zu arbeiten. In einer berühmten Passage von Dantes „Divina Commedia“ erinnert uns Ulysseus daran: „Ihr seid nicht da, um wie Tiere zu leben. Ihr sollt nach Tugend und nach Wissen streben.“

»Glauben Sie denn, dass Ihr Job sicher ist?«

Philosophie ist der zweitälteste Beruf der Welt, ich werde bestimmt nicht durch eine smarte App ersetzt werden. Alle Aktivitäten, bei denen es auf Intelligenz im Sinne von menschlicher Flexibilität und Feingefühl ankommt, können nicht von Robotern ausgeführt werden. In allen anderen Industrien wird es einen massiven Umbruch geben.

»Welche Jobs sind am meisten gefährdet?«

Alle Arten von Routinejobs. Und am Ende können Sie fast jeden Job in eine Serie von immer gleichen Tätigkeiten aufteilen. Das gilt auch im digitalen Raum, ob Literaturrecherche, Homepages bauen oder Produkte evaluieren. Es werden Bereiche betroffen sein, die wir bislang als komplett sicher einstufen. Es gibt Experimente, in denen künstliche Intelligenz ein Krebsgeschwür besser erkannt hat als erfahrene Onkologen. Andere Algorithmen wiederum schreiben Sportberichte so, dass man sie nicht von denen der Journalisten unterscheiden kann.

»Also wird es auch Menschen betreffen, die ihren Job lieben.«

Ja, das wird passieren. Das wird im Zweifel für den Einzelnen ein Problem sein, nie aber für die gesamte Gesellschaft – je nachdem, wie gut wir den damit generierten Reichtum verteilen. Und gleichzeitig wird es viele neue Tätigkeiten geben. Dinge, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können.

»Warum fürchten wir den technischen Fortschritt so sehr?«

Es ist eine anthropologische Angst, die in uns steckt. In Erwartung des Unbekannten, des Ungewissen, des Unerwarteten sind wir immer besorgt. Wir sollten darüber hinwegkommen und uns wie Erwachsene verhalten. Denn das reale Problem ist die Art, wie wir unsere derzeitigen Gesellschaften gestaltet haben. Das schnelle und große Anhäufen von Reichtum bei einigen wenigen. Wir haben es nicht geschafft, eine konsumorientierte Gesellschaft zu bilden, die Wohlstand und Fortschritt fair verteilt. 

»Sie glauben also, wenn wir ein anderes Wirtschaftssystem hätten, wären wir nicht so argwöhnisch hinsichtlich künstlicher Intelligenz?«

Ich denke ja. Die Menschen profitieren nicht vom technischen Fortschritt. Viel Geld stagniert in einem lokalen Minimum, die Zirkulation funktioniert nicht. Die meisten glauben, dass das nur ein soziales Thema ist. Aber es ist eben auch ein ökonomisches und ein politisches Problem. Denn großer Reichtum in wenigen Händen bedeutet gleichzeitig starkes politisches Gewicht. Eine Demokratie kann darunter nur leiden.

 

»Sobald es Feueralarm gibt, renne ich raus und der Computer nicht.« 

»Der Physiker Stephen Hawking oder Microsofts Forschungschef Eric Horvitz warnen vor den Gefahren künstlicher Intelligenz.«

Schlechte News verkaufen sich einfach besser. Wenn zwei prominente Leute davor warnen, dass künstliche Intelligenz die Welt beherrschen wird, dann ist das natürlich eine Story. Ich sage hingegen: Diese Technologie wird unser Leben beeinflussen, und ein Computer wird immer besser Schachspielen als ich. Doch sobald es Feueralarm gibt, renne ich raus und der Computer nicht. 

»Algorithmen entscheiden schon heute, 
was für uns Realität ist« © www.fotolia.com, monsitj

»Wir könnten ihn doch entsprechend programmieren.«

Klar, aber dann kommt ein Hochwasser oder jemand ruft spaßeshalber „Feuer“ – gleiches Problem. Es sind Maschinen, die in einer bestimmten Zeit mit bestimmten Ressourcen bestimmte Aufgaben erfüllen. Wir müssen dringend die Science-Fiction-Szenarien vergessen. Schließlich haben wir ernsthafte Probleme zu lösen, und zwar schnell. 

»An was denken Sie?«

Wir müssen künstliche Intelligenz so gestalten, dass wir als Mensch im Mittelpunkt stehen. Es gibt von Churchill das Zitat „Wir formen unsere Gebäude, danach formen sie uns“; die gleiche Gefahr sehe ich in der Infosphäre. Der Mensch muss als Zweck, nie als Mittel oder Ressource behandelt werden, um Kant zu zitieren.

© Foto: Oxford Internet Institute


Luciano Floridi

ist Professor für Philosophie und Informationsethik an der Universität Oxford. Er gehört unter anderem zum Experten-Beirat für Google zum Recht auf Vergessenwerden. 

E-Mail an Luciano Floridi ›

»Kontrollieren nicht Algorithmen längst große Teile unseres Alltags? In den USA hängt etwa meine Kreditwürdigkeit davon ab, wie ein Algorithmus mich einstuft. Ist das moralisch verwerflich oder Techbusiness?«

Das ist ein großes Problem. Algorithmen haben häufig signifikante Tendenzen und Vorurteile. Häufig ist ihr Ergebnis ein anderes, je nach Geschlecht, Hautfarbe oder der Herkunft eines Menschen. Ich finde, sie sollten transparent und zugänglich sein, sodass wir den Output abhängig von verschiedenen Faktoren überprüfen können. Doch das ist auch eine Aufgabe, für die wir Technik nutzen können. Wir sollten Technologie nicht stoppen, sondern sicherstellen, dass sie vernünftig eingesetzt wird. Andererseits kann man mit digitalen Informationen auch Kriminalität und Terror bekämpfen. Die russische Polizei nutzt bereits eine Gesichtserkennungs-App, die Fahndungsfotos mit den Bildern in sozialen Netzen abgleicht.Die Frage ist doch: Wie weit möchten wir unsere Menschenrechte einschränken, um sicherzustellen, dass es keine Kriminalität gibt? Es gibt daher Dinge, die wir zwar tun können, aber nicht zulassen sollten – auch wenn es der Sicherheit dient. Das untergräbt die Basis unseres sozialen Lebens, es untergräbt unsere Freiheiten und unsere grundlegenden Werte. Das ist es nicht wert. […]

»Sie gehören zum Google-Expertenrat zum sogenannten Recht auf Vergessenwerden. Kollidiert Googles Größe nicht mit Ihrem Ansatz, die Macht großer Konzerne im Netz einzudämmen?«

Ja, aber der Konzern ist nicht das einzige Gebilde, das zu viel Macht konzentriert. Ich denke auch an Amazon, Apple und Facebook. Sie haben das Machtvakuum gefüllt, das die Politik versäumt hat. Als das Internet etwas signifikant Alltägliches wurde, begriff die politische Klasse nicht, dass diese digitale Revolution mehr ist als ein sozialer Wandel. Nun ist diese Infosphäre in der Hand weniger privater Konzerne. Sie beeinflussen gleichzeitig, was in der analogen Welt passiert. Die erste Erscheinung des türkischen Präsidenten Erdogan nach dem gescheiterten Putschversuch war in der FaceTime-App auf einem Apple iPhone. Ich bin besorgt, dass diejenigen, die Kontrolle über entscheidende Fragen haben, die Antworten und letztlich die Realität gestalten.

»Warum ist es so schwierig, da Regelungen zu finden?« 

Momentan versuchen wir, lokale Gesetze und Regeln auf das Internet anzuwenden. Das ist aus meiner Sicht anachronistisch. Stattdessen sollten wir für die Infosphäre eine internationale Vereinbarung schaffen, so wie wir Konventionen für internationale Gewässer haben. Das wird auch eines Tages so kommen, auch wenn ich das vermutlich nicht mehr erleben werde.

»Ich würde gerne Ihre Meinung zu drei Statements hören, die der Google-Algorithmus vorschlägt, wenn ich in das Suchfeld eintippe: „Algorithmen werden…“ Erstens: „…immer zu einer korrekten Lösung führen“.« 

Das ist natürlich Unsinn. Algorithmen sind von Menschen gemacht, sie werden also immer Fehler und Vorbehalte haben. Wo man Müll reinsteckt, kommt Müll raus. Ein Algorithmus kann einen Schaden verursachen, gleichzeitig ist er dafür verantwortlich. Menschen sind es, die einem Algorithmus das Kommando überlassen. Menschen sind es, die ihn nicht entfernen. Menschen sind es, die ihm unkritisch folgen. So ist es am Ende immer unsere volle Verantwortung, wenn etwas schiefgeht.  

»Zweiter Google-Vorschlag: „Algorithmen werden… die Talentsuche verändern“.« 

Man kann Algorithmen sinnvoll einsetzen, wenn man 100 Menschen für ein Callcenter sucht. Sobald es jedoch um ein komplexes Jobprofil geht, werden wir keinen geeigneten Algorithmus finden, der ohne menschliche Hilfe den geeigneten Kandidaten findet. Talent ist ein Konzept wie Intelligenz, Freundschaft oder Weisheit. Ideen, die wir verstehen, aber nicht scharf definieren, ergo messen und automatisieren können. 

»Und der dritte Vorschlag: „Algorithmen werden… die Welt beherrschen“.«

Tatsächlich entscheiden Algorithmen schon heute, was für uns Realität ist. Sie schlagen uns vor, Skifahren zu gehen, weil wir uns für Skifahren interessieren. Solche Tendenzen verstärken sich selbst. Dadurch werden wir weiter Alpinsport machen und gar nicht mehr auf die Idee kommen, an den Strand zu fahren. Algorithmen kreieren Echo-Räume. Wir riskieren, in Filterblasen zu leben, einfach weil es so bequem ist. Wir sollten das nicht tun, ich bin da jedoch pessimistisch. Aber an diesem Punkt heißt das Problem nicht künstliche Intelligenz, sondern menschliche Faulheit und Dummheit.[…] 


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DIESER ARTIKEL IST IN DER FOLGENDEN GESAMTAUSGABE DER A.NETWORK „Künstliche Intelligenz“ ERSCHIENEN

Künstliche Intelligenz

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