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© Markus Rex
Eingefroren
am Nordpol

Das Atreus Online Magazin für Interim Management
Ausgabe 24 | Dezember 2020

© Foto: Markus Rex

Fragen an Prof. Markus Rex

Interview mit Prof. Markus Rex, Polarforscher und Expeditionsleiter der größten Arktisexpedition unserer Zeit

»Die Logistik der Expedition „MOSAiC“ war extrem aufwendig und komplex. Was waren die Meilensteine in der Planung und mit welchem Team und Equipment sind Sie aufgebrochen?«

Die wesentlichen Meilensteine bei der Planung der Expedition waren der Aufbau des internationalen Teams, die Entwicklung des Wissenschaftsplans, die Sicherstellung der Finanzierung mit finanziellen Beiträgen aus 20 Nationen und die Entwicklung des Logistikplans für die überaus komplexe Expedition, bei der insgesamt sieben Eisbrecher und Forschungsschiffe im Einsatz waren. Dazu kamen natürlich Dutzende von Einzelelementen wie die Erstellung des allgemeinen Sicherheitskonzepts, des Eisbärsicherheitskonzepts, die Planung des zentralen Eiscamps mit den Hauptinfrastrukturen wie dem Strom- und Datennetz, die Planung des Netzwerkes der großräumig verteilten Eisstationen, die Planung der Unterbringung aller Expeditionsausrüstung an Bord und vieles Weitere.

»Inmitten der größten Arktisexpedition aller Zeiten kam plötzlich alles anders: Corona stellte die gesamte über Jahre erarbeitete Logistik, bei der es um Leben und Tod gehen kann, auf den Kopf. Was passierte, und welche Herausforderungen kamen auf Sie als Expeditionsleiter zu und wie haben Sie diese gemanagt?«

Die Corona-Pandemie hat unsere gesamten Logistikpläne für die zweite Hälfte der Expedition weggefegt. Keines der in vielen Jahren im Detail geplanten Elemente zur Versorgung der Expedition und für den Austausch von Expeditionsteilnehmern funktionierte unter den Bedingungen der Pandemie noch. Die dafür vorgesehenen internationalen Partnereisbrecher wurden in ihre Heimathäfen zurückbeordert und konnten nicht mehr eingesetzt werden, sämtliche Landepisten in der hohen Arktis für unsere geplanten Flugzeugoperationen wurden geschlossen.

© Markus Rex

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir ein Logistikteam, welches dafür aufgestellt war, eine fertig geplante Expedition zu implementieren, aber nicht, einen völlig neuen Plan für die Expedition in wenigen Wochen zu entwickeln. Zunächst mussten wir innerhalb von Tagen die für diese neue Situation adäquaten Managementstrukturen etablieren und ein Team aufstellen, welches in der Krise eine Unzahl von potentiellen Lösungen parallel verfolgen konnte – in der Hoffnung, dass eine dieser unzähligen Optionen letztlich funktionieren und zu einer Lösung führen würde. Da wir mit einem Konsortium von über 80 Partnern weltweit arbeiten, war auch alleine die Organisation der in der Krise explodierenden internen Kommunikation dabei eine besondere Herausforderung. Sehr wichtig war hier eine sehr klare Priorisierung der begrenzten Mitarbeiterressourcen auf die zur Rettung der Expedition wesentlichen Schritte bei gleichzeitigem Zurückstellen der nicht absolut missionskritischen Aufgaben. 

© Markus Rex

Polarstern

Am 20. September 2019 startete die größte Arktisexpedition aller Zeiten: Die »Polarstern« verließ den Hafen von Tromsö, um sich am Nordpol einfrieren zu lassen. Das Schiff bringt erstmals eine Forschungsmannschaft im Winterhalbjahr in die direkte Umgebung des Nordpols. An Bord sind Wissenschaftler aus 20 Nationen, die in der Arktis ein Jahr lang die Auswirkungen des Klimawandels untersuchen: Denn dort entsteht das Klima der Zukunft. Die Corona-Krise traf das Team hart. Sie hielten durch und kamen im Oktober 2020 zurück nach Hause.  

»Welche Tipps können Sie aus dieser extremen Erfahrung heraus dafür mitgeben, ein Team und Projekt erfolgreich zu steuern?«

Diese Frage ist zu komplex, um sie kompakt beantworten zu können. Ein Kernelement bei der Lösung ist der unbedingte Wille des gesamten Teams nicht aufzugeben und jeden nur im entferntesten denkbaren Lösungsweg bis zum Ende zu verfolgen, auch wenn es zwischenzeitlich mal nicht danach aussieht, als ließe sich noch ein Weg finden. Dieser Wille muss dabei auch von der Spitze zu jeder Zeit vermittelt werden. Gleichzeitig ist die Kommunikation mit dem im Eis steckenden Team wichtig, um den Menschen dort zu vermitteln, dass an Land wirklich alles nur Denkbare getan wird, um schnellstmöglich eine Lösung zu finden. Dazu gehört auch die klare Kommunikation der Unsicherheiten, wenn wir tatsächlich gerade noch nicht wissen wie es weitergeht, sowie eine Definition und Abstimmung eines Abbruchdatums, ab dem die Rückführung des Teams alleinige Priorität bekommt. Dies war wichtig, damit die Menschen im Eis wissen, dass die „Hängepartie“ ein definiertes Ende hat. Letztlich ist es uns aber gelungen, die Expedition zu retten und einen Abbruch zu vermeiden. Dies ist ein Verdienst der unglaublichen Leistung unseres Logistikteams in dieser extrem schwierigen Phase. 

»Klimaschutz und nachhaltiges Handeln sind keine abstrakten Themen mehr, die jeden Einzelnen von uns immer deutlicher tangieren. Sie mussten beobachten, wie vor Ort in der Arktis das Sommereis für immer zu verschwinden droht. Welche Auswirkungen hat das?«

Ein Verschwinden des sommerlichen Eises auf dem arktischen Ozean hätte massive Folgen für Wetter und Klima der gesamten Nordhemisphäre. Die Arktis ist die Wetterküche für unser Wetter und der Temperaturkontrast zwischen der kalten Arktis und den wärmeren mittleren Breiten treibt das Hauptwindsystem der Nordhalbkugel an – das Westwindband. Verschwindet das Eis nimmt der dunkle offene Ozean mehr Sonnenenergie auf und aus dem offenen Wasser verdunstet viel mehr Wasserdampf in die Atmosphäre. Insgesamt wird das zu einer Zunahme bestimmter Extremwetterlagen bei uns führen, darunter lange trockene Heißphasen im Sommer.  

»Eingefroren am Nordpol« © Markus Rex

„Eingefroren am Nordpol“ ist die Geschichte eines großen Forschungsabenteuers und zugleich ein eindringlicher Blick auf die dramatischen Folgen des Klimawandels. Das Buch erschien am 16. November.

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© Markus Rex


Markus Rex

leitet die Atmosphärenforschung des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, und ist Professor für Atmosphärenphysik an der Universität Potsdam. Er hat bereits unzählige Expeditionen in Arktis, Antarktis und andere entlegene Regionen der Welt unternommen, um die komplexen Klimaprozesse zu erforschen, die dort zu teils dramatischen Klimaveränderungen führen. Er leitet das MOSAiC-Vorhaben, die einmalige ganzjährige Expedition der »Polarstern« in die zentrale Arktis, an der 90 Institutionen aus 20 Ländern beteiligt sind. Erstmals bringt dieses Schiff eine Forschungsmannschaft im Winterhalbjahr und während der Dunkelheit der Polarnacht in die direkte Umgebung des Nordpols.