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Atreus in den Medien
Familienunternehmen der Lebensmittelbranche unter Druck
Konsolidierungswelle 2.0 in der Lebensmittelbranche
Ein Beitrag von Atreus Direktorin Martina Becker in der Börsen-Zeitung vom 10. April 2026
Klare Portfolioentscheidungen, fokussierte Investionen und frühzeitige Partnerschaften erforderlich
Übernahmen, Zusammenschlüsse und Verkaufsgerüchte prägen derzeit den Lebensmittelsektor. Hinter der aktuellen Mergers‑&‑Acquisitions‑(M&A)‑Dynamik steht jedoch mehr als eine klassische Marktbereinigung: Eine Konsolidierungswelle 2.0 trifft insbesondere mittelständische, häufig familiengeführte Unternehmen. Hohe Faktorkosten, massiver Margendruck, steigende Beschaffungs‑ und Energiekosten sowie der wachsende Anteil von Eigenmarken erzwingen strategische Grundsatzentscheidungen: Weiter eigenständig investieren, das Portfolio fokussiert neu aufstellen oder den Schritt in Partnerschaften und Verkäufe gehen.
Sichtbar wird dies unter anderem an der Mehrheitsbeteiligung der Familienholding Pfeifer & Langen an Rügenwalder Mühle, der Übernahme des Konfitüren‑ und Honigherstellers Göbber durch die Schwarz Gruppe, der Transaktion Mestemacher/Ruf‑Gruppe, dem Verkauf von Kathi an Dr. Oetker, Riegelein an Colian oder The Family Butchers an Tönnies. Die Auslöser reichen von ungelöster Nachfolge über strukturelle Wettbewerbsnachteile bis hin zu Ertragsschieflagen – mit dem gemeinsamen Ziel, Ertragskraft und Investitionsfähigkeit zu sichern.
Das neue Normal
Im Unterschied zu früheren M&A‑Zyklen im Food‑Sektor, die von Wachstumsambitionen, Internationalisierung oder Portfolioabrundung geprägt waren, dominieren heute dauerhaft höhere Kosten für Energie, Rohwaren, Verpackung, Logistik und Löhne. Was früher temporäre Kostenspitzen waren, ist zum neuen Normal geworden. Parallel steigt der Investitionsdruck in Automatisierung, Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI), weil wettbewerbsfähige Stückkosten, verlässliche Qualität und datenbasierte Steuerung ohne hohe Capex kaum erreichbar sind – ein Kraftakt für eigentümergeführte Mittelständler mit konservativen Bilanzen. Marken geraten in enge Promotionszyklen, um Volumina zu sichern, während Handelsmarken in der Wahrnehmung der Verbraucher an Qualität und Akzeptanz gewinnen. Da all diese Faktoren gleichzeitig wirken und die unternehmerische Pufferzone im Mittelstand aufzehren, müssen strategische Optionen früher und entschiedener gezogen werden als in früheren Zyklen. Kooperationen in Beschaffung und Produktion – etwa Einkaufspools, Co‑packing‑Modelle oder gemeinsame Plattformen – können Skalenvorteile heben, ohne sofort Eigentum aufzugeben.
Bei Investitionen in Automatisierung und KI ist Kapitaldisziplin entscheidend: Vorrang haben Anwendungsfälle mit klaren Skaleneffekten oder relevanten Qualitäts‑ und Geschwindigkeitsvorteilen, nicht solche, die nur technologische Modernität signalisieren. Wer sich der Auseinandersetzung mit KI und Automatisierung entzieht, riskiert in wenigen Jahren gravierende Wettbewerbsnachteile – bis hin zur Frage, ob ein (Teil‑)Verkauf der realistischere Weg zur Sicherung des Unternehmenswerts ist. Zentral ist eine schlüssige Equity Story gegenüber Handel, Banken und Mitarbeitenden: Wofür steht die Marke, welche Segmente werden mit welcher Tiefe bespielt – und was wird bewusst nicht mehr getan? Erfolgreich sind Markenstrategien, die klar über Qualität, Nachhaltigkeit, Herkunft oder Convenience differenzieren und Innovation anbieten, statt zwischen Mittelpreissegment und Einstiegs‑Eigenmarke „eingeklemmt“ zu bleiben.
Was ist die beste Option?
Nicht immer ist der Verkauf des gesamten Unternehmens die beste Option. Häufig ist ein Carve‑out einzelner Sparten oder Marken vorteilhafter – etwa, wenn ein Bereich strukturell nicht tragfähig ist, die notwendige Investitionshöhe die Risikobereitschaft der Unternehmerfamilie übersteigt oder ein externer Partner strategisch besser aufgestellt ist. Voraussetzung ist Stand‑alone‑Readiness: eine klare Zuordnung von P&L (Profit and Loss – Gewinn‑ und Verlustrechnung) und Cashflow zur Einheit, eine eigenständige Marken‑ und Vertriebsstrategie sowie trennscharf geregelte Servicefunktionen von IT und HR (Human Resources) bis Logistik und Einkauf, idealerweise abgesichert durch Übergangsvereinbarungen, die den Übergang ermöglichen, ohne das Kerngeschäft zu destabilisieren. Je früher die wirtschaftliche Logik der Segmente transparent wird, desto größer ist der Verhandlungsspielraum – für selektive Verkäufe ebenso wie für Minderheits‑ oder Mehrheitsbeteiligungen.
Die Zeit der stillen Optimierung ist vorbei
Die Beispiele Rügenwalder Mühle, Pfeifer & Langen und Göbber/Schwarz Gruppe verdeutlichen die Bedeutung von Timing, Partnerschaften, Governance und Kommunikation. Strategisch gelungene Transaktionen finden statt, solange Marken noch Wachstumsperspektive und damit Verhandlungskraft haben. Starke Partner eröffnen Zugang zu Kapital, Technologie, Einkaufsvorteilen und Distributionsmacht und ermöglichen Skalierung im Spannungsfeld zwischen Marken‑ und Eigenmarkenstrategien.
Klare Governance‑Strukturen – von der definierten Rolle der Unternehmerfamilie über professionell besetzte Beiräte bis zu präzisen Mitspracherechten – entscheiden mit darüber, ob eine Transaktion nur bilanziell wirkt oder langfristig strategischen Wert stiftet. Die Zeit der stillen Optimierung im Hintergrund ist vorbei: Heute braucht es klare Portfolioentscheidungen, fokussierte Investitionen und frühzeitige Partnerschaften. Wer sein Profil nicht selbst schärft, wird vom Markt geschärft – mit Konsequenzen für Marge, Eigenständigkeit und strategischen Gestaltungsspielraum.
Stärken ausspielen
Die gute Nachricht: Familienunternehmen verfügen über kurze Entscheidungswege, unternehmerische DNA und hohe Glaubwürdigkeit bei Konsumenten. Wer diese Stärken mit finanzieller und strategischer Klarheit verbindet, kann auch in einer konsolidierenden Branche zu den Gestaltenden statt zu den Getriebenen gehören.
Der Beitrag erschien am 10. April 2026 im Fachmedium Börsen-Zeitung.
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