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Mit dem Abstieg des letzten großen Industriekonzerns im Ruhrgebiet droht ein Flächenbrand. An Thyssenkrupp hängen Tausende Jobs bei Anlagenbauern, Zulieferern und Logistikern - sogar die Kunst muss bangen.

An großen Namen fehlt es nicht. Kunstwerke von Henri Matisse, Pablo Picasso und Otto Dix hängen im Folkwang Museum in Essen. 2020 ist eine Retrospektive des großen US-Künstlers Keith Haring geplant. Den gläsernen Neubau hatte der britische Stararchitekt David Chipperfield 2006 entworfen - finanziert von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Seit 2015 sorgt die auch für freien Eintritt, das kostet sie jedes Jahr rund eine Million Euro. Mitte 2020 läuft die Ticketfinanzierung aus: 'Wir hoffen natürlich, dass weiterhin freier Eintritt gewährt werden kann', sagt eine Museumssprecherin. Sicher ist das nicht.

Die Krupp-Stiftung hängt komplett vom Krisenkonzern Thyssenkrupp ab. In den vergangenen Jahren ist ihr Anteil am Konzern zwar gesunken. Sie ist aber immer noch größte Aktionärin, hält noch 21 Prozent der Anteile. Wie viel die 1967 vom letzten Krupp-Erben gegründete Stiftung für Wohltaten spendiert, hängt von der Höhe der Dividende ab, die Thyssenkrupp zahlt. Vor zehn Jahren zahlte der Konzern noch 45 Cent pro Anteil. 2012 und 2013 gab es gar keine Dividende, seit vier Jahren stagniert die Dividende bei mageren 15 Cent.

Die Stiftung ist das prominenteste Opfer des Abstiegs der Ruhrgebietsikone. Geht es Thyssenkrupp schlecht, leidet die Stiftung - und mit ihr Kunst, Kultur und Wissenschaft, die sie fördert.

In den Sog des Niedergangs gerät nicht nur die Krupp-Stiftung, sondern auch viele Zulieferer könnte es treffen. Etwa das Ingenieurbüro von Thomas Kirschbaum. Die Firma aus dem niederrheinischen Ort Neukirchen-Vluyn ist spezialisiert auf zwei- und dreidimensionale Planung und Konstruktion für Industrieanlagen. Seit 20 Jahren macht es mit seinen 15 Mitarbeitern einen Großteil seines Umsatzes mit Thyssenkrupp. Noch im Oktober freute es sich über einen Auftrag der Stahlsparte. 'Unsere Umsätze mit Thyssenkrupp sind stabil', sagt Kirschbaum. Noch.

Seit Jahren kämpft Thyssenkrupp gegen den Niedergang. Personalchaos im Vorstand, gescheiterte Fusionspläne und Missmanagement haben dem Konzern zugesetzt. Ausgerechnet jetzt bedroht der Konjunkturabschwung zusätzliche Arbeitsplätze - und trifft das ohnehin strukturschwache Ruhrgebiet hart. Zukunftsängste kommen auf, gebrochene Lebensläufe, selbst Insolvenzen lassen sich nicht ausschließen. Wackelt der Stahlkonzern, zittern Lieferanten, Kunden und Kommunen - es sind die Kollateralschäden der Konzernkrise.

 

Finanzieller Abstieg

Nach dem Ende der Kohleindustrie läuft der Strukturwandel in der Region zwischen Duisburg und Dortmund auf die nächste Krise zu. Thyssenkrupp hat das Ruhrgebiet mindestens so stark geprägt wie die Zechen. Bis heute kommen auf jeden Arbeitsplatz in der deutschen Stahlindustrie fünf bis sechs Jobs bei Zulieferern, hat das Rheinisch-Westfälische-Institut (RWI), das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung aus Essen, berechnet. Es steht viel auf dem Spiel.

Nie war die Lage so ernst: Im September flog der Traditionskonzern nach mehr als drei Jahrzehnten aus dem Dax, dem Index der 30 wertvollsten börsennotierten deutschen Unternehmen. Verdrängt durch den Zahlungsverkehrs-Dienstleister Wirecard - new statt old economy. 2019 fiel die Thyssenkrupp-Aktie auf den tiefsten Stand seit 16 Jahren. Ende November wird Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz neue Zahlen veröffentlichen. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet der Industriegigant mit einem Nettoverlust. Drei der sechs Sparten sind im Minus: die Produktion von Stahl, der Bau von Industrieanlagen und der Schiffbau definitiv. Zwei dümpeln vor sich hin: die Herstellung von Autokomponenten und der Werkstoffhandel. Nur die Aufzugssparte floriert.

Die finanzielle Not bei Thyssenkrupp lässt die Fördergelder der Stiftung bereits dahinschmelzen wie Eisen im Hochofen. 2018 vergab die Stiftung nur noch fünf Millionen Euro an Fördermitteln. 'Herausfordernd' sei die Lage bei Thyssenkrupp, sagt die Stiftungsvorsitzende und Uniprofessorin Ursula Gather, die auch im Aufsichtsrat des Konzerns sitzt.

Ein Flächenbrand droht mittelfristig im Mittelstand: bei Anlagen- und Maschinenbauern, Dienstleistern und Logistikern. Thyssenkrupp kauft jedes Jahr Vorprodukte und Services im Wert von mehr als 20 Milliarden Euro ein, viel davon in Deutschland. 'Wenn sich der Abstieg des Traditionskonzerns weiter fortsetzt, wird das zwangsläufig negative Konsequenzen für den deutschen Mittelstand haben', sagt Harald Linné, Chef der Beratung Atreus in München. Maschinen- und Anlagenbau spürten ohnehin schon die Zurückhaltung vieler Auftraggeber. Im schlimmsten Fall drohe ein Abbau von Jobs, die Verlagerung von Kapazitäten oder Werkschließungen.

 

„Wenn sich der Abstieg des Traditionskonzerns weiter fortsetzt, wird das zwangsläufig negative Konsequenzen für den deutschen Mittelstand haben.“

Dr. Harald Linné, Atreus CEO

Hochgeschätzter Kunde 

Tatsächlich wird es eng bei Thyssenkrupp. Die wirtschaftliche Not zwingt die neue Interimschefin Merz, das einzig rentable Geschäft mit Aufzügen zu verkaufen. Mit den Erlösen will sie das kriselnde Stahlgeschäft sanieren und die Nettoschulden in Höhe von fünf Milliarden Euro abbauen. Auch vom Anlagenbau und der Fertigung von Komponenten könnte sich Thyssenkrupp langfristig trennen. 6000 Jobs sollen wegfallen, zwei von drei in Deutschland.

Schon heute macht sich das Siechtum im Stahlbereich mit Wucht bemerkbar. Die Deutsche-Bahn-Tochter DB Cargo ist einer der größten Kunden von Thyssenkrupp, transportierte 2017 rund 21 Millionen Tonnen Stahl und Schüttgut. DB Cargo steckt im Krisenmodus - und begründet die Lage auch mit Problemen der Stahlindustrie. VTG, mit mehr als 94.000 Eisenbahngüterwagen der größte private Flottenbetreiber Europas, lieferte für Thyssenkrupp im vergangenen Jahr 35.000 Frachttonnen nach Sibirien - Maschinen und Teile für eine Polypropylen-Anlage, die Thyssenkrupp in Russland baut. Noch meldet der Schienenlogistiker VTG 'weiterhin gute, stabile Geschäftsbeziehungen mit Thyssenkrupp'.

Weiterhin, noch, derzeit - solche Vokabeln fallen oft, wenn es um die Geschäftsbeziehung zu Thyssenkrupp geht. Dabei sind die Essener selbst oft Leidtragende anderer Krisen. Das Unternehmen leidet mit der Autoindustrie. Rund 50 Prozent seines Stahls liefert Thyssenkrupp an die Hersteller. Die Autobauer schwächeln, fragen weniger Stahl nach, Thyssenkrupp braucht weniger Zulieferer - ein Teufelskreis.

Vom hochgeschätzten Kunden Thyssenkrupp schwärmt die Schuler Gruppe aus Göppingen in Baden-Württemberg zwar noch immer. Die Tochterfirma des österreichischen Anlagenbauers Andritz beschäftigt rund 6500 Mitarbeiter, knapp 4200 in Deutschland. Das Unternehmen stellt Anlagen her, die Bleche für die Autoindustrie biegen und formen. Vor zwei Jahren lieferte Schuler eine Schneideanlage für eine Thyssenkrupp-Fabrik in Mexiko. Die Anlage produziert Aluminium- und Stahlplatinen für die dortige Autoindustrie. Im Juli bestellte Thyssenkrupp bei Schuler sogar noch eine Schmiedepresse für ein Werk in Homburg im Saarland. Doch die Aufträge reichen nicht. Die Lage bei Schuler ist angespannt. Im Sommer kündigte der Maschinenbauer an, 500 Stellen in Deutschland zu streichen. Die IG Metall in Göppingen schlägt für die Region bereits Alarm: 'Wir wollen hier kein zweiter Ruhrpott werden', sagte die zweite Bevollmächtige Renate Gmoser.

 

Dort ist die Abhängigkeit von Thyssenkrupp groß. 'Fast jedes Unternehmen an Rhein und Ruhr, vom kleinen Handwerksbetrieb bis zum großen Dienstleister, lebt auch von Thyssenkrupp', sagt Wolfgang Schmitz, Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbands Metall Ruhr-Niederrhein mit Sitz in Duisburg. Dessen rund 700 Mitgliedsunternehmen beschäftigen in Nordrhein-Westfalen insgesamt rund 22 000 Menschen. 'Viele Firmen sorgen sich, wie es weitergehen soll, wenn Thyssenkrupp immer mehr schrumpft', sagt Schmitz.

Wie lange etwa das Krefelder Familienunternehmen Siempelkamp noch vom Geschäft mit Thyssenkrupp profitiert, ist unklar. Zuletzt gab es im Sommer 2016 einen Großauftrag. Für das Thyssenkrupp-Werk Rothe Erde in Dortmund lieferte das Unternehmen, das rund 3000 Mitarbeiter beschäftigt und 700 Millionen Euro Umsatz macht, eine Presse zur Herstellung von Ringrohlingen. Die Ringe werden für Bohrmaschinen oder Rotoren von Windkraftanlagen gebraucht. Thyssenkrupp leidet nun aber unter der Flaute beim Windräderbau. Weniger Windräder, weniger Ringe, weniger Pressen - so läuft das.

Eng werden könnte es auch für den Stahlverpackungsspezialisten Signode System aus Dinslaken, der dort 150 Mitarbeiter beschäftigt. Seit 1958 stellt Signode Anlagen her, die aufgewickelten Stahl mit Schutzmaterialien ummanteln und transportsicher machen. Solche Verpackungsbänder halten bis zu 25 Tonnen Gewicht zusammen, müssen enorme Spannung aushalten. Rund 28.000 Tonnen Stahlband fertigt Signode pro Jahr - Hauptkunde: Thyssenkrupp. Vor mehreren Jahren rettete sich Signode System mit Kurzarbeit und Zwangsurlaub durch die letzte große Stahlkrise. Zur aktuellen Lage wollte sich Signode-Chef Rainer Kammer nicht äußern.

Viele Beteiligte im Ruhrgebiet dürften die Geschichte des Anlagenbauers Oschatz aus Essen im Kopf haben. 2013 erneuerte Oschatz im Duisburger Thyssenkrupp-Stahlwerk Bruckhausen einen Kühlkamin - ein Auftrag für zehn Millionen Euro. Ein Jahr später gab es noch einen Auftrag. Anfang 2017 meldete der Mittelständler mit 1200 Mitarbeitern dennoch Insolvenz an. Die Umsätze aus dem Bau mit Industrieanlagen waren weggebrochen, hieß es. Der Industriekonzern Christof Industries aus Österreich übernahm Teile von Oschatz, das noch rund 400 Mitarbeiter beschäftigt und kaum noch Anlagen für Kraftwerke baut.

Gulasch statt Gans

Das Schicksal von Oschatz zeigt, welche Bedeutung Thyssenkrupp einmal für Deutschland hatte. Oschatz ist nicht irgendwer, sondern eines der ältesten deutschen Familienunternehmen. Als kleiner Klempnerladen von Franz Luis Oschatz 1849 gegründet, entwickelte es sich zu einem erfolgreichen Behälter- und Kesselbauer. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte Oschatz seinen Firmensitz von Mannheim nach Essen, weil er im Herzen der aufstrebenden Stahlindustrie mit den damals noch getrennten Konzernen Thyssen und Krupp gute Geschäfte witterte. Jahrzehntelang profitierte Oschatz von Aufträgen - vor allem 2007 und 2008, als Thyssenkrupp im Stahlboom Rekordgewinne einfuhr.

Ob solche Zeiten einmal wiederkehren? Die katholische Kirche sorgt sich - und schaltet sich ein. Mit Konzernchefin Merz stünde man im schriftlichen Kontakt, ließ Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck ausrichten. Bald wolle er sie treffen. Einheit und Fortbestand des für Essen und das Ruhrgebiet so wichtigen Unternehmens stünden auf dem Spiel, warnte er. Bei der viel diskutierten Zerschlagung von Thyssenkrupp gäbe es zu viele Verlierer und nur sehr wenige Gewinner. Eine Gewinnmaximierung um jeden Preis verliere den Menschen aus dem Blick. Er appellierte 'an alle Verantwortlichen, vor allem aber auch an die Krupp-Stiftung, sich im Sinne des Stiftungsgedankens für ein Konzept einzusetzen, das den Konzern als Ganzes in die Zukunft führt'. Amen.

Einfach wird das nicht. Es hat in der Vergangenheit zu viele Fehlentscheidungen gegeben, die Thyssenkrupp viel Kraft gekostet haben. Allen voran die Fehlinvestitionen in Stahlwerke in Brasilien und den USA. Inzwischen sind die Werke verkauft. Thyssenkrupp verlor rund vier Milliarden Euro. Ex-Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger wollte sich vom Stahlgeschäft trennen. Doch die geplante Fusion mit Indiens Stahlkonkurrent Tata scheiterte 2019 am Veto der EU-Kommission. Jetzt soll der Stahl, der erneut Verluste macht, doch wieder Kerngeschäft werden - die nächste Wende, die Kräfte bindet und Mitarbeiter verunsichert.

Die neue Losung bei Thyssenkrupp heißt Bescheidenheit. Vor wenigen Tagen stehen auf dem Werksgelände in Dortmund ein paar Stehtische unter einem weißen Pavillon. Es gibt wahlweise Gulasch- oder Gemüsesuppe, dazu Fingerfood. Kein opulentes Menü, es muss gespart werden.

Aber es gibt etwas zu feiern. Für das Stahlwerk in Dortmund baut Thyssenkrupp eine neue Feuerbeschichtungsanlage. Einen dreistelligen Millionenbetrag investiert der Konzern, 100 neue Arbeitsplätze entstehen. Es ist ein Funke Hoffnung für die Zukunft von Thyssenkrupp. Ab 2021 soll die Anlage feuerverzinkte Bleche für Autos produzieren. Die Ehrengäste sind voll des Lobes. 'Beste Voraussetzung für Arbeitsplätze und Zukunft', schwärmt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Stadtoberhaupt Ullrich Sierau (SPD) gibt sich kämpferisch und ruft mit heiserer Stimme: 'Dortmund. Ist. Ein. Stahlstandort!' Er betont jedes Wort, die rechte Faust saust auf die Kante des Rednerpults hinab.

Als letzter Redner steigt Thyssenkrupp-Vorstand Klaus Keysberg ans Pult. Er trägt Anzug und Krawatte. Der Stahl bleibe in Dortmund, verspricht auch er - und ergänzt: 'Die Zeiten sind schwer, sehr schwer.'

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